PYS 3.21–22: Unsichtbarkeit und Todeszeit
PYS 3.21–22: Unsichtbarkeit und Todeszeit

Yogaśāstra 3.21–22: Körpergestalt und reifendes Karma

Saṃyama unterbricht die Wahrnehmbarkeit der Körpergestalt und macht den Yogin unsichtbar; auf reifendes Karma gerichtet enthüllt es die Todeszeit, ebenso Vorzeichen.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 3.21
कायरूपसंयमात्तद्ग्राह्यशक्तिस्तम्भे चक्षुःप्रकाशासंप्रयोगे ऽन्तर्धानम् ||21||
kāya-rūpa-saṃyamāt tad-grāhya-śakti-stambhe cakṣuḥ-prakāśāsaṃprayoge 'ntardhānam ||21|| Analyse ▾ Analyse ▴
kāya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Körper
rūpa
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Substantiv Neutrum
Form, Gestalt
saṃyamāt
Ablativ Singular
Substantiv Maskulin
Meditation, Sammlung
tat
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Pronomen dem
dessen, diese
grāhya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Adjektiv
zu erfassen, wahrnehmbar
śakti
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
Kraft, Fähigkeit
stambhe
Lokativ Singular
Substantiv Maskulin
Hemmung, Festhalten, Bannung
cakṣuḥ
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
Auge, Sehen
prakāśa
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Licht, Sichtbarkeit
asaṃprayoge
Lokativ Singular
Substantiv Maskulin
Nicht-Verbindung, Nicht-Kontakt
antardhānam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Verschwinden, Unsichtbarkeit
Durch Saṃyama auf die Gestalt des Körpers (kāya-rūpa-saṃyamāt | abl sg) [entsteht] Unsichtbarkeit (antardhānam | nom sg), wenn deren Kraft, wahrgenommen zu werden, gehemmt ist (tad-grāhya-śakti-stambhe | loc sg) und keine Verbindung [der Körpergestalt] mit dem Licht des Auges besteht (cakṣuḥ-prakāśāsaṃprayoge | loc sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Spüre im Liegen die äußere Form Deines Körpers, ohne sie festzuhalten. Mit jeder Ausatmung darf die Grenze zwischen Körper und Raum weicher werden; wenn das unangenehm wird, öffne die Augen und spüre den Boden.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Durch saṃyama auf die Körpergestalt wird nach dem Vyāsa-Bhāṣya deren Wahrnehmbarkeit (grāhya-śakti) gehemmt. Fehlt dadurch die Verbindung mit dem Licht des Auges, entsteht Unsichtbarkeit. Der Kommentar überträgt dasselbe Verfahren auf Klang und die übrigen Sinnesgegenstände.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
By performing Sanyama (restraint) about form (the property) of body, its power of being apprehended (by the organ of sight) being checked and luminousness, the property of the organ of sight having no connection (with its object, i. e. the form, the result) is the disappearance of the ascetic.
James R. Ballantyne - 1852
From Sanyama with reference to the shape of the body, its visibility being suspended, and thus its connection with occular light being severed,—there is disappearance.
Ganganatha Jha - 1907
Aus Anwendung der Allzucht auf die eigene Körperform erfolgt, vermöge der die Kraft ihn wahrzunehmen inhibitierenden Diskontinuität zwischen Auge und Sichtbarkeit, Unsichtbarmachung [des Yogin].
Paul Deussen - 1908
As a result of constraint upon the [outer] form of the body, when its power to be known is stopped, then as a consequence of the disjunction of the light and of the eye there follows indiscernibility [of the yogin's body].
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 3.22
सोपक्रमं निरुपक्रमं च कर्म तत्संयमादपरान्तज्ञानमरिष्टेभ्यो वा ||22||
sopakramaṃ nirupakramaṃ ca karma tat-saṃyamād aparānta-jñānam ariṣṭebhyo vā ||22|| Analyse ▾ Analyse ▴
sopakramam
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
mit Beginn, schon wirksam
nirupakramam
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
ohne Beginn, noch nicht wirksam
ca
Partikel
und
karma
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Handlung, Werk, karmische Wirkung
tat
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Pronomen dem
darauf, diese
saṃyamāt
Ablativ Singular
Substantiv Maskulin
Meditation, Sammlung
aparānta
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
äußerstes Ende, Tod
jñānam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Wissen, Verständnis
ariṣṭebhyaḥ
Ablativ Plural
Substantiv Neutrum
Todeszeichen, Vorzeichen
vā
Partikel
oder
Das [die Lebensdauer bestimmende] Karma (karma | nom sg) [ist zweifach]: rasch reifend (sopakramaṃ | nom sg n) und (ca) langsam reifend (nirupakramaṃ | nom sg n). Durch Saṃyama darauf (tat-saṃyamāt | abl sg) [entsteht] Wissen um das Lebensende (aparānta-jñānam | nom sg), oder (vā) aus Todeszeichen (ariṣṭebhyaḥ | abl pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Nimm wahr, was in Deinem Leben bereits Wirkung entfaltet und was noch in Dir wartet. Im Bewusstsein der Endlichkeit frage Dich: Was braucht heute Deine Aufmerksamkeit?
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya unterscheidet zwei Arten des die Lebensdauer bestimmenden Karma:

  • Sopakrama: Karma, das rasch zur Reife gelangt.
  • Nirupakrama: Karma, das langsam zur Reife gelangt.

Es veranschaulicht den Unterschied durch ein ausgebreitetes beziehungsweise gebündeltes nasses Tuch, das verschieden schnell trocknet, und durch rasch beziehungsweise langsam abbrennendes Material.

Durch saṃyama auf diese karmischen Wirkungen erkennt der Yogin die Grenze des gegenwärtigen Lebens. Das Vyāsa-Bhāṣya erwähnt zusätzlich drei Arten von Todesvorzeichen (ariṣṭa): innere, auf andere Wesen bezogene und göttliche Zeichen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
An action (Karma) is two-fold. One class is Sopakrama, i. e. taking effect immediately, and the other is Nirupakrama, i. e. taking effect slowly. By performing Sanyama (restraint) with regard to these, or from omens, arises knowledge of the final end.
James R. Ballantyne - 1852
Karma is active and dormant; and by Sanyama over this, results the knowledge of the end; as also by portents.
Ganganatha Jha - 1907
Mag das Werk unmittelbar oder mittelbar Vergeltung wirkend sein, aus Anwendung der Allzucht auf dasselbe erfolgt Kenntnis des letzten Endes, oder auch durch Vorzeichen.
Paul Deussen - 1908
Advancing and not-advancing is karma; as a result of constraint upon this there arises knowledge of the final end, or from portents.
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

Nachrichten und Bewertungen
9 Nachrichten Ø

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M
Grüß Gott, Frau Ostrowski und Dr. Steiner!

Vielen Dank für diese Veröffentlichung von Yogasutra. Ich benutze es als Grundlage für das Studium. Mein Guru Sergej Nikolajewitsch Gromow bestätigt, dass das Sutra "etena śabdādyantardhānamuktaṁ", das manchmal in Veröffentlichungen zu finden ist, ist ein Kommentar, der von dem hinzugefügt wurde, der neu geschrieben hat. Daher ist die korrekte Menge Sutra 195, nicht 196. Er empfiehlt auch, Yoga Sutras ohne Kommentar zu studieren, mit einer Geschwindigkeit von etwa einem Sutra in 4 Tagen.

Mit besten Grüßen,

Michail Galkin (Ratschizkij),
vriksa3@ukr.net
Institut für Yoga und Wushu in Odessa.
http://www.gromov.org/
Hallo Michail,
vielen Dank für das Teilen. Dem kann ich nur zustimmen.
Namaste und herzliche Grüße
Ronald
P.S.: Ganz viel Verbundenheit und Energie nach Odessa!
Hallo Laura und Ronald,
zwischen 3.21 und 3.22 ist ein Sutra ohne Nummerierung.
Hat das eine besondere Bewandnis?
Liebe Grüße aus dem Saarland
Peter
ist unscheinbar. Die Fußnoten findet fast niemand.
Jep, wer lesen kann ist klar im Vorteil.
Danke :-))
Ja. Steht in der Fußnote. :)
- Dieser Satz ist nur in einzelnen Manuskripten enthalten, in anderen nicht.
Absolute Ruhe, reines Sein .......
und heute Abend der Fokus meiner Live Yoga-Stunde! Ich freue mich schon.