SS 3.20–3.24: Turya im Alltag
SS 3.20–3.24: Turya im Alltag

Śiva Sūtra 3.20–3.24: Den vierten Zustand bewahren

Turya soll Wachen, Traum und Tiefschlaf wie Öl durchdringen. Aufmerksamkeit, Prāṇa und erneute Sammlung bewahren die Erkenntnis auch im Wechsel der Zustände.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner
Śiva Sūtra 3.20
त्रिषु चतुर्थं तैलवदासेच्यम् ||3.20||
triṣu caturthaṃ tailavad āsecyam ||3.20|| Analyse ▾ Analyse ▴
triṣu
Lokativ Plural Neutrum
Zahlwort
in den drei
caturtham
Akkusativ Singular Neutrum
Adjektiv
das vierte
tailavat
Substantiv Neutrum
Suffix
wie Öl
ā
Präfix
hinein, heran
secyam
Akkusativ Singular Neutrum Partizip Futur Passiv
Verbalwurzel
zu begießen, einzugießen
In die drei [Zustände] (triṣu | loc pl) soll das vierte (caturtham | acc sg n) wie Öl (tailavat | adv) eingegossen werden (āsecyam | acc sg n pfp).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Lass Turya wie Öl alle drei gewöhnlichen Bewusstseinszustände durchdringen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja erklärt in der Vimarśinī: Der höchste Zustand soll Wachen, Traum und Schlaf durchdringen wie Öl, das sich fein ausbreitet.

Kṣemarājas Śivasūtravimarśinī

In der Vārttika wird erläutert: Turya ist die Offenbarung reiner Vidyā.

Bhāskaras Śivasūtravārttika
Śiva Sūtra 3.21
मग्नः स्वचित्तेन प्रविशेत् ||3.21||
magnaḥ sva-cittena praviśet ||3.21|| Analyse ▾ Analyse ▴
magnaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
eingetaucht, versunken
sva
Karmadhāraya-Kompositum
Pronomen
eigen
cittena
Instrumentalis Singular
Substantiv Neutrum
durch das Citta, Bewusstsein-Geist
praviśet
3. Person Singular Aktiv Optativ
Präfix
Verbalwurzel
soll eintreten
Versunken (magnaḥ | nom sg m), soll [der Yogin] mit dem eigenen Citta (sva-cittena | ins sg) eintreten (praviśet | 3p sg act opt).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Tauche mit Deinem ganzen Citta in diesen vierten Zustand ein.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja erklärt in der Vimarśinī: Der Übende soll nicht von außen über das Höchste nachdenken, sondern eingetaucht mit seinem eigenen Bewusstsein eintreten.

Kṣemarājas Śivasūtravimarśinī

In der Vārttika wird erläutert: Der Yogin lässt grobe, begriffliche Mittel los.

Bhāskaras Śivasūtravārttika
Śiva Sūtra 3.22
प्राणसमाचारे समदर्शनम् ||3.22||
prāṇa-samācāre sama-darśanam ||3.22|| Analyse ▾ Analyse ▴
prāṇa
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Prāṇa, Lebensatem
samācāre
Lokativ Absolutus Singular
Substantiv Maskulin
wenn Prāṇa gleichmäßig hervortritt oder zirkuliert
sama
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
gleich, einheitlich
darśanam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Sehen, Schau
Wenn der Lebensatem gleichmäßig zirkuliert (prāṇa-samācāre | loc absl sg), [entsteht] einheitliche Schau (sama-darśanam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn der Lebensatem gleichmäßig strömt, wird eine einheitliche Schau möglich.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja erklärt in der Vimarśinī: Wenn der Lebensatem gesammelt und bewusst hervorgebracht wird, kann Gleichsicht entstehen.

Kṣemarājas Śivasūtravimarśinī

In der Vārttika wird erläutert: Wenn der Prāṇa sanft wieder ausströmt und von śākta Präsenz geprägt ist, entsteht Gleichsicht in allen Zuständen.

Bhāskaras Śivasūtravārttika
Śiva Sūtra 3.23
मध्ये ऽवरप्रसवः ||3.23||
madhye 'vara-prasavaḥ ||3.23|| Analyse ▾ Analyse ▴
madhye
Lokativ Singular
Substantiv Neutrum
in der Mitte
avara
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
niedriger, geringerer
prasavaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Hervorgang, Geburt, Schöpfung
In der Mitte (madhye | loc sg) [kann] ein niederer Hervorgang (avara-prasavaḥ | nom sg) [entstehen].
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Mitten in dieser Erfahrung können begrenzte Regungen erneut entstehen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja erklärt in der Vimarśinī: Die Mitte ist ein machtvoller Übergangsort.

Kṣemarājas Śivasūtravimarśinī

In der Vārttika wird erläutert: Wer sich nur an den Grenzen von Turya sicher fühlt, kann in der Mitte zurückfallen.

Bhāskaras Śivasūtravārttika
Śiva Sūtra 3.24
मात्रास्वप्रत्ययसंधाने नष्टस्य पुनरुत्थानम् ||3.24||
mātrāsv apratyaya-saṃdhāne naṣṭasya punar utthānam ||3.24|| Analyse ▾ Analyse ▴
mātrāsu
Lokativ Plural
Substantiv Feminin
in den Mātrās, Maßeinheiten
apratyaya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Präfix
Substantiv Maskulin
der nichtbegrifflichen Gewahrheit
saṃdhāne
Lokativ Absolutus Singular
Substantiv Neutrum
wenn Verbindung, Zusammenschluss besteht
naṣṭasya
Genitiv Singular Neutrum Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
des Verlorenen, Untergegangenen
punar
Adverb
wieder
utthānam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Aufstehen, Wiederaufstieg
Wenn in den begrenzenden Maßeinheiten (mātrāsu | loc pl) eine Verbindung mit nichtbegrifflicher [Gewahrheit] besteht (apratyaya-saṃdhāne | loc absl sg), [geschieht] das Wiederaufstehen des Verlorenen (naṣṭasya punar-utthānam | gen sg, nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Verbindest Du auch die einzelnen Wahrnehmungen mit nichtbegrifflichem Gewahrsein, erhebt sich die verlorene Einheit erneut.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja erklärt in der Vimarśinī: Wer die feinen Maße der Erfahrung nicht richtig mit Bewusstheit verbindet, erlebt das Wiederauftauchen alter Muster.

Kṣemarājas Śivasūtravimarśinī

In der Vārttika wird erläutert: Die Mātrās sind die Sinnesgegenstände.

Bhāskaras Śivasūtravārttika

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

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