Zwei Wasserläufe vereinigen sich unter einem Mond.
Zwei Wasserläufe vereinigen sich unter einem Mond.

Gorakṣaśataka 81–88: Ein ungewöhnlicher Weg zu Śiva

Mondbereich, Flüssigkeiten und das Umfassen Śivas bestimmen den weiteren Weg. Die Körperkarte und mehrere Satzanschlüsse bleiben erklärungsbedürftig.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner
Gorakṣaśataka (Original) 81
भ्रुवोर् मध्यं तु संभिद्य याति शीतांशुमण्डलम् |
bhruvor madhyaṃ tu saṃbhidya; yāti śītāṃśu-maṇḍalam | Analyse ▾ Analyse ▴
bhruvoḥ
Genitiv Dual
Substantiv Feminin
der Brauen
madhyam
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
die Mitte
tu
Partikel
aber
saṃbhidya
Absolutus
Präfix
Verbalwurzel
durchbrochen habend
yāti
3. Person Singular Aktiv Präsens
Verbalwurzel
geht, erlangt
śītāṃśu
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Mond
maṇḍalam
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
Bereich
अनाहताख्यं यच्चक्रं दलैः षोडशभिर् युतम् ||81||
anāhatākhyaṃ yac cakraṃ; dalaiḥ ṣoḍaśabhir yutam ||81|| Analyse ▾ Analyse ▴
anāhata
Upapada-Kompositum
Adjektiv
unangeschlagen
ākhyam
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
genannt
yat
Nominativ Singular Neutrum
Pronomen rel
welches
cakram
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Rad
dalaiḥ
Instrumentalis Plural
Substantiv Neutrum
mit Blättern
ṣoḍaśabhiḥ
Instrumentalis Plural Neutrum
ṣoḍaśan
Zahlwort
sechzehn
yutam
Nominativ Singular Neutrum Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
versehen
Nachdem [sie] aber (tu) die Mitte (madhyam | acc sg) der Brauen (bhruvoḥ | gen du) durchbrochen hat (saṃbhidya | abs), geht [sie] (yāti | 3p sg act pres) zum Mondbereich (śītāṃśu-maṇḍalam | acc sg): [zu dem] Rad (cakram | nom sg), das (yat | nom sg n) Anāhata genannt (anāhata-ākhyam | nom sg n) [und] mit sechzehn (ṣoḍaśabhiḥ | ins pl n) Blättern (dalaiḥ | ins pl) versehen (yutam | nom sg n ppp) [ist].

Metrum: Anuṣṭubh.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Nicht jede innere Landkarte ist gleich aufgebaut. Begegne Bildern offen, statt sie sofort in ein vertrautes Schema einzuordnen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Der Entwurf nennt ausdrücklich ein sechzehnblättriges, Anāhata genanntes Rad beim Mondbereich. Ich passe dies nicht an ein verbreitetes späteres Cakra-Schema an. Der Anschluss wechselt vom Akkusativ zum Nominativ.

Apparat-Kommentar
Gorakṣaśataka (Original) 82
तत्र शीतांशुसंजातं द्रवं शोषयते स्वयम् |
tatra śītāṃśu-saṃjātaṃ; dravaṃ śoṣayate svayam | Analyse ▾ Analyse ▴
tatra
Adverb
dort
śītāṃśu
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Mond
saṃjātam
Akkusativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
entstanden
dravam
Akkusativ Singular
Substantiv Maskulin
Flüssigkeit
śoṣayate
3. Person Singular Medial Präsens Causativ
Verbalwurzel
trocknet aus
svayam
Adverb
von selbst
चालिते प्राणवेगेन रक्तपित्तं रवौ गृहात् ||82||
cālite prāṇa-vegena; rakta-pittaṃ ravau gṛhāt ||82|| Analyse ▾ Analyse ▴
cālite
Lokativ Absolutus Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv Causativ
Verbalwurzel
wenn bewegt
prāṇa
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Atem
vegena
Instrumentalis Singular
Substantiv Maskulin
mit Geschwindigkeit
rakta
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
Blut
pittam
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
Galle
ravau
Lokativ Singular
Substantiv Maskulin
in der Sonne
gṛhāt
Ablativ Singular
Substantiv Neutrum
aus dem Haus
Dort (tatra) trocknet [sie] (śoṣayate | 3p sg med pres caus) selbst (svayam) die aus dem Mond entstandene (śītāṃśu-saṃjātam | acc sg m ppp) Flüssigkeit (dravam | acc sg) aus. Wenn die Sonne (ravau | loc sg) durch die Kraft des Atems (prāṇa-vegena | ins sg) aus ihrem Haus (gṛhāt | abl sg) zu Blut und Galle (rakta-pittam | acc sg) bewegt worden ist (cālite | loc absl sg m ppp caus) …

Metrum: Anuṣṭubh.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Fließen und Austrocknen sind gegensätzliche Bilder. Sie können Dich dafür sensibilisieren, wie unterschiedlich innere Zustände erlebt werden.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

cālite und ravau lassen sich gemeinsam als zeitliche Nebenkonstruktion lesen: „Wenn die Sonne bewegt worden ist“. rakta-pittam deute ich mit Mallinson 2012, S. 271, als Ziel dieser Bewegung, „zu Blut und Galle“, nicht als neues Subjekt. Das Sanskrit nennt keinen eigenen Ausdruck für deren Ort; seine knappe Fügung bleibt ungewöhnlich. Der Satz führt in 83 weiter. śoṣayate heißt „trocknet aus“ und wird nicht als „trinkt“ umgedeutet.

Apparat-Kommentar
Gorakṣaśataka (Original) 83
यातेन्दुचक्रं यत्रास्ते शुक्लश्लेष्मद्रवात्मकम् |
yātendu-cakraṃ yatrāste; śukla-śleṣma-dravātmakam | Analyse ▾ Analyse ▴
yātā
Nominativ Singular Feminin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
gelangt
indu
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Mond
cakram
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
Rad
yatra
Adverb
wo
āste
3. Person Singular Medial Präsens
Verbalwurzel
sich befindet
śukla
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
weiß
śleṣma
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Schleim
drava
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Flüssigkeit
ātmakam
Akkusativ Singular Neutrum
Adjektiv
von der Beschaffenheit
तत्र सिक्तं ग्रसत्य् उष्णं कफं शीतस्वभावकम् ||83||
tatra siktaṃ grasaty uṣṇaṃ; kaphaṃ śīta-sva-bhāvakam ||83|| Analyse ▾ Analyse ▴
tatra
Adverb
dort
siktam
Akkusativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
gegossen
grasati
3. Person Singular Aktiv Präsens
Verbalwurzel
verschlingt
uṣṇam
Akkusativ Singular Maskulin
Adjektiv
heiß
kapham
Akkusativ Singular
Substantiv Maskulin
Schleim
śīta
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
kalt
sva
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Adjektiv
eigen
bhāvakam
Akkusativ Singular Maskulin
Adjektiv
von Beschaffenheit
… [ist Kuṇḍalinī] dorthin gelangt (yātā | nom sg f ppp), wo (yatra) sich das Mondrad (indu-cakram | acc sg) befindet (āste | 3p sg med pres), [das] aus weißer Schleimflüssigkeit besteht (śukla-śleṣma-drava-ātmakam | acc sg n). Dort (tatra) verschlingt [sie] (grasati | 3p sg act pres) den ausgeschiedenen (siktam | acc sg m ppp), heißen (uṣṇam | acc sg m) Schleim (kapham | acc sg), der von Natur aus kalt ist (śīta-sva-bhāvakam | acc sg m).

Metrum: Anuṣṭubh.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wärme und Kühle können in Deiner Wahrnehmung zusammenkommen. Erkunde den Übergang, ohne das Bild mit einer feststehenden Körperfunktion gleichzusetzen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Ich lese yātenducakram als yātā + indu-cakram: Kuṇḍalinī ist zum Mondrad gelangt. Für den deutschen Relativsatz wird dieser Zusammenhang umgestellt. siktam und uṣṇam beziehe ich als maskuline Akkusative auf kapham: Kuṇḍalinī verschlingt den ausgeschiedenen, erhitzten Schleim, der seiner Natur nach kalt ist. Das „Heiße“ ist somit kein eigenes Subjekt. Diese Lesung entspricht Mallinson 2012, S. 271. Die doppelte Einbindung des Mondrads als Bewegungsziel und Bezug von yatrāste bleibt syntaktisch gedrängt.

Apparat-Kommentar
Gorakṣaśataka (Original) 84
तथैव रभसा शुक्लं चन्द्ररूपं हि तप्यते |
tathaiva rabhasā śuklaṃ; candra-rūpaṃ hi tapyate | Analyse ▾ Analyse ▴
tathā
Adverb
so
eva
Partikel
eben
rabhasā
Instrumentalis Singular
Substantiv Neutrum
mit Heftigkeit
śuklam
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
das Weiße
candra
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Mond
rūpam
Nominativ Singular Neutrum
Substantiv Neutrum
von der Gestalt
hi
Partikel
denn
tapyate
3. Person Singular Passiv Präsens
Verbalwurzel
wird erhitzt
ऊर्ध्वं प्रवहति क्षुब्धा तथैवं स्रवतेतराम् ||84||
ūrdhvaṃ pravahati kṣubdhā; tathaivaṃ sravatetarām ||84|| Analyse ▾ Analyse ▴
ūrdhvam
Adverb
nach oben
pravahati
3. Person Singular Aktiv Präsens
Präfix
Verbalwurzel
strömt
kṣubdhā
Nominativ Singular Feminin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
aufgewühlt
tathā
Adverb
so
evam
Adverb
so
sravatetarām
3. Person Singular Medial Präsens
Verbalwurzel
strömt noch stärker
Denn (hi) ebenso (tathā) wird (tapyate | 3p sg pas pres) gerade (eva) die weiße [Flüssigkeit] (śuklam | nom sg n) in Gestalt des Mondes (candra-rūpam | nom sg n) heftig (rabhasā | ins sg) erhitzt. Aufgewühlt (kṣubdhā | nom sg f ppp) strömt [Kuṇḍalinī] (pravahati | 3p sg act pres) nach oben (ūrdhvam); ebenso (tathā) strömt [die Flüssigkeit] (sravatetarām | 3p sg med pres) auf diese Weise (evam) noch stärker.

Metrum: Anuṣṭubh.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Manche Prozesse verstärken sich gegenseitig. Bleib aufmerksam dafür, ob eine Dynamik Dich trägt oder überfordert.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Ich unterscheide mit Mallinson 2012, S. 271, zwei Subjekte: Das feminine kṣubdhā, „aufgewühlt“, gehört zu Kuṇḍalinī; beim verstärkten Fließen ist die weiße Flüssigkeit gemeint. Die ergänzten Subjekte im Deutschen machen diese Rückbezüge sichtbar. sravatetarām bleibt eine ungewöhnliche Steigerungsbildung zum Fließen. Eine moderne körperliche Gleichsetzung wird daraus nicht abgeleitet.

Apparat-Kommentar
Gorakṣaśataka (Original) 85
तस्यास्वादवशाच्चित्तं बहिष्ठं विषयेषु यत् |
tasyāsvāda-vaśāc cittaṃ; bahiṣṭhaṃ viṣayeṣu yat | Analyse ▾ Analyse ▴
tasya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Pronomen dem
dessen
āsvāda
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Geschmack
vaśāt
Ablativ Singular
Substantiv Maskulin
durch die Macht
cittam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Geist
bahiṣṭham
Nominativ Singular Neutrum
bahiṣṭha
Adjektiv
außen befindlich
viṣayeṣu
Lokativ Plural
Substantiv Maskulin
bei Sinnesgegenständen
yat
Nominativ Singular Neutrum
Pronomen rel
welches
तदेव परमं भुक्त्वा स्वस्थस्यात्मरतो युवा ||85||
tad eva paramaṃ bhuktvā; svasthasyātma-rato yuvā ||85|| Analyse ▾ Analyse ▴
tat
Akkusativ Singular Neutrum
Pronomen dem
dies
eva
Partikel
eben
paramam
Akkusativ Singular Neutrum
Adjektiv
Höchstes
bhuktvā
Absolutus
Verbalwurzel
genossen habend
svasthasya
Genitiv Singular Maskulin
Adjektiv
des in sich Ruhenden
ātma
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Substantiv Maskulin
Selbst
rataḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
sich erfreuend
yuvā
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
jung
Durch die Wirkung ihres Geschmacks (tasya-āsvāda-vaśāt | abl sg) [steht] der Geist (cittam | nom sg), der (yat | nom sg n) [zuvor] bei den Sinnesgegenständen (viṣayeṣu | loc pl) [verweilte], außerhalb [dieser] (bahiṣṭham | nom sg n). Nachdem [er] eben (eva) dieses (tat | acc sg n) Höchste (paramam | acc sg n) des in sich Ruhenden (svasthasya | gen sg m) genossen hat (bhuktvā | abs), [ist] der junge [Mensch] (yuvā | nom sg m) am Selbst erfreut (ātma-rataḥ | nom sg m ppp).

Metrum: Anuṣṭubh.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Eine befriedigende Erfahrung kann Deine Aufmerksamkeit nach innen wenden. Prüfe, was Dich nährt, ohne ständig neue Reize zu verlangen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Ich folge in der Satzverbindung vorläufig Mallinson 2012, S. 271: Der Geschmack der Flüssigkeit löst den Geist aus seiner Bindung an die Sinnesgegenstände; der junge Mensch erfreut sich am Selbst. bahiṣṭham verstehe ich dabei als „außerhalb“ dieser Gegenstände. Die Ergänzungen „zuvor“ und das Verb des ersten Satzes machen diese Deutung lesbar. Den Genitiv svasthasya verbinde ich mit paramam: das Höchste dessen, der in sich ruht. Diese nähere Wortentsprechung bleibt gegenüber Mallinsons freierer Deutung als innerer Genuss sperrig; der syntaktische Bezug ist nicht gesichert. yuvā bleibt „der junge Mensch“. Die im Entwurf erwogene Ersetzung durch bhavet wird nicht übernommen.

Apparat-Kommentar
Gorakṣaśataka (Original) 86
प्रकृत्यष्टकरूपं च स्थानं गच्छति कुण्डली |
prakṛty-aṣṭaka-rūpaṃ ca; sthānaṃ gacchati kuṇḍalī | Analyse ▾ Analyse ▴
prakṛti
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
Natur
aṣṭaka
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
Achtzahl
rūpam
Akkusativ Singular Neutrum
Substantiv Neutrum
von der Gestalt
ca
Partikel
und
sthānam
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
Ort
gacchati
3. Person Singular Aktiv Präsens
Verbalwurzel
geht
kuṇḍalī
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
Kuṇḍalī
क्रोडीकृत्य शिवं याति क्रोडीकृत्य विलीयते ||86||
kroḍīkṛtya śivaṃ yāti; kroḍīkṛtya vilīyate ||86|| Analyse ▾ Analyse ▴
kroḍīkṛtya
Absolutus
kroḍī
Basis
Verbalwurzel
umfasst habend
śivam
Akkusativ Singular
Substantiv Maskulin
Śiva
yāti
3. Person Singular Aktiv Präsens
Verbalwurzel
geht, erlangt
kroḍīkṛtya
Absolutus
kroḍī
Basis
Verbalwurzel
umfasst habend
vilīyate
3. Person Singular Medial Präsens
Präfix
Verbalwurzel
löst sich auf
Und (ca) Kuṇḍalī (kuṇḍalī | nom sg) geht (gacchati | 3p sg act pres) zu einem Ort (sthānam | acc sg) von der Gestalt der achtfachen Natur (prakṛti-aṣṭaka-rūpam | acc sg n). [Diesen] umfassend (kroḍīkṛtya | abs), geht [sie] (yāti | 3p sg act pres) zu Śiva (śivam | acc sg); [ihn] umfassend (kroḍīkṛtya | abs), löst [sie] sich auf (vilīyate | 3p sg med pres).

Metrum: Anuṣṭubh.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Sich einzulassen kann bedeuten, die feste Grenze zwischen Dir und einer Erfahrung weicher werden zu lassen. Das Bild der Umarmung öffnet dafür einen Zugang.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

prakṛtyaṣṭaka nennt eine Achtzahl der Natur, ohne ihre Bestandteile hier aufzulisten. Die Objekte zu den beiden kroḍīkṛtya werden aus dem Zusammenhang ergänzt; eine feste Systemzuordnung wird daraus nicht abgeleitet.

Apparat-Kommentar
Gorakṣaśataka (Original) 87
इत्य् अधोर्द्ध्वरजःशुक्ले शिवे तदनु मारुतः |
ity adho-rddhva-rajaḥ-śukle; śive tadanu mārutaḥ | Analyse ▾ Analyse ▴
iti
Partikel
so
adhas
Dvandva-Kompositum
Adverb
unten
ūrdhva
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
oben
rajaḥ
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
roter Stoff
śukle
Nominativ Dual
Substantiv Neutrum
roter und weißer Stoff
śive
Lokativ Singular
Substantiv Maskulin
in Śiva
tadanu
Adverb
danach
mārutaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Wind
प्राणापानौ समायाति सहजातौ तथैव च ||87||
prāṇāpānau samāyāti; saha-jātau tathaiva ca ||87|| Analyse ▾ Analyse ▴
prāṇa
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Prāṇa
apānau
Akkusativ Dual
Substantiv Maskulin
Prāṇa und Apāna
samāyāti
3. Person Singular Aktiv Präsens
Präfix
Präfix
Verbalwurzel
kommt zusammen
saha
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
gemeinsam
jātau
Akkusativ Dual Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
geboren
tathā
Adverb
so
eva
Partikel
eben
ca
Partikel
und
So (iti) [gehen] das Rote von unten und das Weiße von oben (adhas-ūrdhva-rajaḥ-śukle | nom du) in Śiva (śive | loc sg) [auf]. Danach (tadanu) kommt (samāyāti | 3p sg act pres) ebenso (tathā) auch (ca) der Wind (mārutaḥ | nom sg) eben (eva) [mit] Prāṇa und Apāna (prāṇa-apānau | acc du), die zusammen entstanden sind (saha-jātau | acc du m ppp), zusammen.

Metrum: Anuṣṭubh.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Gegensätze können Teil eines größeren Zusammenhangs sein. Suche nicht nur nach Unterschieden, sondern auch danach, was sie verbindet.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Für das Rote von unten und das Weiße von oben ergänze ich „gehen auf“ aus dem vorhergehenden vilīyate. Danach ist mārutaḥ, der Wind, Subjekt von samāyāti; prāṇāpānau und sahajātau lese ich als Akkusativ Dual, nicht als zweites Subjekt. Die Formen lassen beide Kasus zu. So ergibt sich der Sinn: Der Wind kommt mit dem gemeinsam entstandenen Paar Prāṇa und Apāna zusammen. Mallinson 2012, S. 271, stützt diese Verbindung. Rot und Weiß bleiben historische Körpersubstanzen ohne moderne biologische Gleichsetzung.

Apparat-Kommentar
Gorakṣaśataka (Original) 88
भूते चाल्पे अनल्पत्वे वाचके वापि वर्धते |
bhūte cālpe analpatve; vācake vāpi vardhate | Analyse ▾ Analyse ▴
bhūte
Lokativ Singular
Substantiv Neutrum
beim Element, Gewordenen
ca
Partikel
und
alpe
Lokativ Singular Neutrum
Adjektiv
beim Geringen
analpatve
Lokativ Singular
Substantiv Neutrum
im Nichtgeringsein
vācake
Lokativ Singular Maskulin
Adjektiv
beim Benennenden
vāpi
vāpi
Partikel
oder auch
vardhate
3. Person Singular Medial Präsens
Verbalwurzel
wächst
द्रावयत्य् अखिलान् वातान् अग्निमूषाहिरण्यवत् ||88||
drāvayaty akhilān vātān; agni-mūṣā-hiraṇya-vat ||88|| Analyse ▾ Analyse ▴
drāvayati
3. Person Singular Aktiv Präsens Causativ
Verbalwurzel
verflüssigt
akhilān
Akkusativ Plural Maskulin
Adjektiv
alle
vātān
Akkusativ Plural
Substantiv Maskulin
Winde
agni
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Substantiv Maskulin
Feuer
mūṣā
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Substantiv Feminin
Schmelztiegel
hiraṇya
Avyayībhāva-Kompositum
Substantiv Neutrum
Gold
vat
Suffix
wie
Und (ca) wenn das stoffliche Element (bhūte | loc sg) gering (alpe | loc sg n) [wird] oder auch (vāpi) der Sprechende (vācake | loc sg m) an Größe (analpatve | loc sg) [gewinnt], wächst [der Atem] (vardhate | 3p sg med pres). [Er] verflüssigt (drāvayati | 3p sg act pres caus) alle (akhilān | acc pl m) Winde (vātān | acc pl) wie Gold im Schmelztiegel des Feuers (agni-mūṣā-hiraṇya-vat).

Metrum: Anuṣṭubh.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Das Bild vom Schmelzen zeigt eine Veränderung der Form. Was fest erscheint, kann unter passenden Bedingungen beweglich werden.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Ich lese die Lokative vorläufig als Bedingungen: Das stoffliche Element wird gering; dem Sprechenden kommt Größe zu. Als Subjekt von vardhate und drāvayati ergänze ich den im vorhergehenden Vers genannten Atem. Diese Verständnishilfe orientiert sich an Mallinson 2012, S. 271, der den ersten Halbvers selbst als Crux markiert. Was „gering“ und „Größe“ hier genau bezeichnen, bleibt offen. Der Vergleich des zweiten Halbverses ist deutlicher: Die Winde werden wie Gold im erhitzten Tiegel verflüssigt. Die Übersetzung führt keine Sanskritkonjektur ein.

Apparat-Kommentar

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Dr. Ronald Steiner

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